REVIEW
Jo Yo Io, ich bin aus der Versenkung zurückgekehrt, um ein längst überfälliges Review zu schreiben und meine unglaublich qualifizierten Gedanken zu Urangst zu verewigen!!! Mein Playthrough ist, da ich mich danach erstmal in den Nanovrimo gestürzt habe etwas her, aber da ich trotzdem hier bin um draufloszuschreiben hat sich das Spiel wohl eingebrannt. Ob das was positives ist ... siehst du gleich
Ich teile mein Feedback mal in die drei Punkte auf, die mir bei meiner Spielerfahrung am wichtigsten sind:
Handlung
Was geht eigentlich ab, sind die Figuren cool charakterisiert, gibt es emotionale Momente, Überraschungen, Spannung, ist das überhaupt wichtig für das Spiel?
Tjahaaa, da wir hier kein klassisches RPG-Abenteuer haben, kann man sich vom üblichen Raster was sowas angeht eigentlich direkt wieder verabschieden. Die komplette Handlung ist eigentlich eine Charakterisierung der Figuren. Anstatt dass die Ereignisse in den Protagonisten eine Charakterentwicklung hervorrufen ist diese Entwicklung das ganze Ereignis. Was irgendwie in meinem Kopf schlauer klang, als gerade ausgeschrieben ... aber ich finde das ist so und das ergibt Sinn, deal with it.
Demnach gibt es keinen Spannungsbogen den ich als solchen bezeichnen würde und auch keine Plot-Twists in dem Sinne. Aber interessiert auch keinen, solche Extravaganzen braucht das Spiel nämlich gar nicht. In den Ausflügen, die wir ins Innenleben oder die Vergangenheit der Charakter unternehmen wird ziemlich klar kommuniziert, was geschieht und gerade das macht gewisse Momente aus. Die ganze Zeit zu wissen, dass man auf ein tragisches Ereignis zusteuert wirkt viel stärker, als dieses Ereignis einfach nur einmal zu durchleben.
Das Spiel verzichtet also auf eine Handlung zugunsten der Charakterisierung und auf Spannung zugunsten der Emotionalität.
Und jetzt der eigentlich interessante Teil: Meine Meinung dazu
Ist das gut?
So wie es hier umgesetzt wurde: Japp, ist ziemlich nice. Hat einwandfrei funktioniert. Ich habe das Spiel nicht weitergespielt, weil ich wissen wollte was passiert, ich habe es weitergespielt, weil ich wollte, dass es den Charakteren besser geht. Natürlich gibt es stärkere und schwächere Teile, gerade den Anfang fand ich sehr gelungen, während ich Erichs Fantasiewelt zunächst eher weniger interessant fand, ihr Ende hingegen wieder ziemlich gut.
Insgesamt also: Jemand der Abenteuer-Action, epische Momente, Spannung und Twists erwartet, wird enttäuscht werden, jemand der Charaktere kennen lernen und mit ihnen mitfühlen möchte, kommt voll auf seine Kosten. Und ich schätze genau das ist es was das Spiel auch sein möchte.
Gameplay
Wie spielt sich das Spiel, was gibt es für Mechaniken, wie sind diese umgesetzt?
Hier haben wir eine relativ übliche Mischung: Exploring, Rätsel, Kämpfe. Die ersten beiden gehen ineinander über, da wir keine Rätsel á la verschiebe die Steine in die richtige Reihenfolge haben, sondern die meisten Rätsel entweder verlangen etwas zu finden oder einen Zusammenhang aus der Geschichte herzustellen. Ich bin jetzt kein großer Freund von Rätselspielen, weil ich da schnell ungeduldig werde, fand es hier aber überhaupt nicht störend. Es war zumeist in dem Maße fordernd, dass ich mich gefreut habe, wenn ich die Rätsel gelöst habe, aber nie länger als ein paar Minuten daran sitzen musste. Die Rätsel fordern also nicht unbedingt die Intelligenz heraus, sondern dienen zur Vermittlung von Informationen und Emotionen, ohne dass einem langweilig wird, weil man nichts zu tun hat außer Text zu lesen, so wie man sich beispielsweise dieses Review hier reinzieht.
Dementgegen stehen die Kämpfe - ziemlich cool geskriptete On-Map-Kämpfe, die alle eine einzigartige Herangehensweise erfordern. Das besondere daran ist und das ist für mich einer der besten Teile des Spiels, dass die Art auf die die Kämpfe bestritten werden selbst noch einmal Bezug zur Charakterentwicklung hat. Jeder Endkampf spiegelt das Ringen mit einem Aspekt des eigenen Innenlebens, man siegt also nicht indem man dem Feind mit krasser Magie die Lebenspunkte auf null bringt, sondern indem man symbolisch gewisse Gedankengänge meidet, Gefühle akzeptiert, sich seiner Vergangenheit stellt - aber eben alles zu einem relativ einfach zu begreifenden System abstrahiert. Es ist nicht super anspruchsvoll, erfordert aber ein wenig Mitdenken und Geschicklichkeit.
Diesen Aspekt des Gameplays fand ich ziemlich gut. Diese Kämpfe hätten auch ohne die Verbindung zum Charakter Spaß gemacht, sind dadurch aber nochmal aufgewertet worden. Die Rätsel waren wie gesagt nicht störend, aber auch nicht das Highlight des Spiels.
Atmosphäre
Wie sieht das Spiel aus, wie liest es sich, wie hört es sich an, wie fühlt es sich an und wie wirkt das alles zusammen?
Hier wäre mein größter Kritikpunkt: Die Karten werden dem ganzen Rest des Spiels leider nicht so gerecht. Das geht unter, weil man sich ansonsten sehr gut auf alles einlassen kann, aber mit einer Umgebung die sich ein wenig von der relativ aussagelosen Optik des RPG-Makers abhebt und alles etwas ernster und gruseliger macht, hätte das Spiel ein viel viel tiefere Wirkung. Die Karten sind jetzt nicht lieblos oder ohne Details gemacht, fangen aber nicht die durch die Thematik und Musik vermittelte Atmosphäre ein. Womit wir beim zweiten wichtigen Punkt für die Atmosphäre wären: Die Musik. Die ist nice. Um nicht zusagen obernice. Um nicht zu sagen die Musik ist ultra krass cool gewählt und passt in jeder Sekunde des Spiels absolut perfekt und sorgt dafür, dass mir das Mapping eh egal ist, also yaay yaay Atmosphäre 10/10, vergiss alles was ich eben gesagt hab.
Die Dialoge sind stabil (ich bin ja ein Fan sehr ausufernder Dialoge, das Problem hat Urangst nicht), teilweise klingt es für mich ein wenig hölzern, aber das ist echt zu verschmerzen, nichts was einen wirklich rausbringen würde.
Fazit
Handlung: Für das was sie ist und erreichen will funktioniert sie sehr gut. Es gibt Längen, durch die man sich aber gern hindurchkämpft um zu den überwiegenden emotionalen Punkten zu kommen.
Gameplay: Ist zu großen Teilen Beiwerk für die Charakterisierung/Charakterenticklung, hat aber mit den Bosskämpfen ziemlich coole Highlights.
Atmosphäre: Leidet zwar teilweise unter dem Mapping, lebt aber vom Thema und wird durch die extrem gut gewählte Musik sehr aufgewertet.
Gesamt: Ein durchdachtes und vor allem einzigartiges Spiel, das mir persönlich sehr viel Spaß gemacht hat, obwohl es gar nicht meinem bevorzugten Genre entspricht. Ich denke dir ist es zu 100% gelungen umzusetzen, was du machen wolltest und deine Aussage rüberzubringen.
Extrem wichtige Details und offene Fragen
- Es gibt einen Oktopus als Endboss und ich hab es geschafft, dass ich ihn nicht bekämpfen muss, deswegen ist das hier sowieso das coolste Spiel überhaupt.
- Was geht mit den Wolfs/Hundemenschen ab, die überall auf Portrais in der Gegen rumhängen? o.o Ich meine ich verstehe den thematischen Zusammenhang mit den Wölfen aber irgendwie ... ist das doch ziemlich geheimnisvoll.
- Hast du dir eine bestimmte Region gedacht in der das spielt? Mich hat es etwas rausgebracht das die Kinder im Waisenhaus alle englische Namen hatten, während ich zuvor nicht den Eindruck hatte, dass es in Amerika oder Britannien spielt.
- Haben die japanischen Bezeichnungen der Pflanzen in Erichs Fantasiewelt eine tiefere Bedeutung? Also der Schokoladenpilz war das glaube ich, irgendeine Lemon-Frucht usw. oder mochtest du einfach nur die eingejapanisierten englischen Wörter?
- Wegen des PlugIns um das Textfeld zu zentrieren, dafür habe ich bei uns Yanfly's Message Core benutzt, da kann man die Größe und Position beliebig verändern, auch ingame. Man muss es sich halt nur von der gewählten Auflösung aus ausrechnen.